Die Macht des Wortes

Wie Sprache das Dasein beeinflusst

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Portrait von Desiree Haselsteiner. | © punkt & komma
Desiree Haselsteiner
Content-Redakteurin

Vor circa 100.000 Jahren entstand unsere Sprache. Wo genau, darüber sind sich Forscher uneinig. Vielleicht in Ostasien oder in Südwestafrika. Zuerst waren es Lautmalereien, die sich schließlich zu vollständigen Wörtern entwickelt haben. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 6.000 lebende Sprachen. Ein ideales Beispiel für die enormen Ausmaße, die die Sprachenvielfalt annehmen kann, ist Europa. Im europäischen Raum leben zwölf Prozent der Erdbevölkerung. Die Europäer sprechen allerdings nur drei Prozent aller Sprachen. In Asien hingegen leben 60 Prozent aller Menschen und sprechen auch ein Drittel aller Sprachen. 

Okay … Viele Fakten, viele Zahlen, aber was hat das Ganze mit der Vielzahl an Wörtern zu tun, die wir jeden Tag aufs Neue benutzen. Denen wir eine grammatikalische Form geben, und die wir für eine bildhafte Beschreibung unserer Lebensumstände verwenden?

„Keiner versteht den anderen ganz, weil keiner bei demselben Wort genau dasselbe denkt wie der andere.“
Johann Wolfgang von Goethe
Alte Schreibmaschine aus der Vogelperspektive | © Unsplash
Menschen, ran an die Worte

Eines müsst ihr vorweg wissen: Unser Gehirn ist für das Bilden von Wörtern verantwortlich. Das Sprachzentrum ist vorwiegend in der Region der Großhirnrinde angesiedelt, genauer im Wernicke- und im Broca-Areal. Beide Zentren steuern gemeinsam die motorischen Funktionen und sorgen dafür, dass der Mensch verständliche Worte bilden kann. 

Ist der Mensch darin geübt, mit Worten um sich zu werfen, kommt die Macht der Sprache zum Einsatz. Wie versierte Sprecher und Schreiber Menschen mit Wörtern faszinieren, beeinflussen und lenken können, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Vom Smalltalk zum Bigtalk

Dank der Phönizier wandelte sich die Bilderschrift zur heutigen Buchstabenschrift. Dadurch wurde der Interpretationsspielraum kleiner, und der Inhalt der Aussagen konnte nicht mehr so häufig falsch aufgefasst werden. Dazu kam die steigende Komplexität von Sätzen und der wachsende Wortschatz. Und eines dürft ihr nicht außer Acht lassen: Im Laufe der Zeit gewann das Wort durch die neuen Kommunikationsmedien immer mehr an Einfluss und Macht. 

So wurden im Jahr 2016 weltweit 192 Milliarden E-Mails versendet. Größter Unterschied zwischen Mails und Face-to-Face-Gesprächen: Körpersprache und Stimme werden beim E-mailen völlig ausgeschaltet. Das geschriebene Wort gewinnt an Bedeutung. Wer kommuniziert, will immer etwas damit erreichen. Sei es eine Antwort, das Lösen einer Herausforderung, Gelächter, Weinen, ein Hilfsangebot: Mit Worten können Gefühle, Empfindungen, Bedürfnisse und Zustände (sowie vieles mehr) ausgedrückt werden. 

Die Voraussetzung dafür: das klassische Kommunikationsmodel von Karl Bühler, bestehend aus Sender und Empfänger. Der Sender ist dabei der aktive Part, der Empfänger der passive. Bei der Übermittlung einer verschlüsselten Botschaft mit Hilfe von Wörtern (weil die Mitteilung ja Gedanken ausdrückt), erhält der Empfänger quasi eine kodierte Nachricht. Von Bedeutung: WIE wurde etwas gesagt und WAS wurde gesagt. So werden der emotionale und der sachliche Gehalt der Aussage empfangen und ganz persönlich interpretiert. 

Benutzt der Sender viele Superlative, ist er wohl eher extrovertiert und offen. Sollte der Empfänger das Gegenteil sein, können zwei Kommunikationswelten aufeinanderprallen. 

Konkretes Beispiel

„Hi, was hältst du von dem supergeilen Sommerwetter? Da blühe ich so richtig auf. Ich bin halt ein richtiges Sonnenkind.“, so der extrovertierte Sender. 

„Ja, das Wetter ist schön.“, die Antwort des schüchternen Empfängers.


Ursachen für eine nicht funktionierende Gesprächskultur können sein: gegensätzliche Sprachmilieus, unterschiedliche Altersstufen, einander fremde gesellschaftliche Kulturen etc.

Mit Worten begeistern und überzeugen

Obama-Mythos

Ein Meister der Sprache ist ohne Zweifel Barack Obama. Der ehemalige Präsident der USA hat es geschafft, mit seinen Worten Millionen von Menschen zu begeistern und zu überzeugen. Was wir von dem Mann mit den gehaltvollen Worten lernen können? 

Die wirksamste Redeform ist die Wiederholung. Und: Vor allem bildhafte Argumentationsstränge und geschichtsträchtige Anekdoten akzeptiert unser Gehirn als Einladung zum Mitdenken. So ist das Publikum von Anfang an gefesselt und hängt an den Lippen des Redners oder an den Wörtern des Texters. 

Barack Obama verwendete etwa in den Zeiten der Wirtschaftskrise nie das Wort „Wirtschaftskrise“. Stattdessen sprach er von harten Lebensumständen, von Geldmangel, von desolaten Häusern, redete über Armut oder das Arbeitsamt. Im Grunde benutzte er also Schlagwörter und Umschreibungen des Wortes „Wirtschaftskrise“. Dabei entstanden in den Gehirnen der Zuhörer Bilder und Geschichten von Menschen, die verzweifelt sind, die aus ihren Häusern müssen und Arbeit suchen. Barack Obama ist ein wahrer Künstler, im Umgang mit Worten ...

Barack Obama bei einer Rede | © pexels
Kleine Helferlein

Satz- und Wortzeichen

Ursprünglich stammen sie aus der Rhetorik und können Rednern dabei helfen, einen gut verständlichen Vortrag zu halten. Man sollte die Bedeutung der Satzzeichen in Texten also keineswegs außer Acht lassen. Nur mit richtig gesetzten Satzzeichen klingt der geschriebene Satz sinnvoll und kommt beim Leser auch so an, wie der Schreiber es beabsichtigt hat. Denn beim Lesen kann man das „Hören“ nicht einfach abschalten und Wortmelodie, Rhythmus und Satzmelodie spielen entscheidende Rollen. 

Notiz an alle Schreiberlinge: Achtet beim Schreiben auf Betonung und Klang! Ihr könnt eure Aussagen durch Satzzeichen nach Wunsch akzentuieren.

Schachfigur mit Krone | © pexels
Kleine Wissensstütze am Rande:
  • Punkt: signalisiert als Schlusspunkt das Ende einer Aussage
  • Beistrich: lässt lange Sätze verständlich werden
  • Fragezeichen: fördert die Kommunikation
  • Ausrufezeichen: untermalt die Aussage oder signalisiert eine Aufforderung

Ihr seht, Wörter haben durchaus Macht, ob in gesprochener oder geschriebener Form. Wer sich dieser Macht bewusst ist, kann damit einflussreich und federführend agieren. Also nichts wie los: Erweitert euren persönlichen Wortschatz! Denn dass Worten im besten Fall auch Taten folgen, dafür könnt ihr nun selbst den Beweis antreten …

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